2a. Wir wollen mobbingfrei!!

Die Materialien und Kampagnen in Deutschland richten sich im Sinne der Zivilcourage vorrangig an Kinder, die als Zeug*innen von Mobbing aufgefordert sind, gegen dieses Fehlverhalten anderer couragiert einzuschreiten (allozentrisch).

Als Beispiel habe ich die Kampagne Wir wollen mobbingfrei!! gewählt, da sie gut verdeutlicht, dass die verschiedenen Formen der Verantwortungszuschreibung auch in diesem Kontext als Tendenzen auftreten und zugleich, dass diese Tendenzen oft unreflektiert sind. In seiner Grußbotschaft spricht der Initiator, Tom Lehel, zunächst die betroffenen Kinder an:

„Als Betroffener solltest Du dir Hilfe bei Mitschülern, Eltern, Lehrern oder anderen Erwachsenen suchen. […] Ganz wichtig: Lass dich nicht entmutigen. Du bist richtig, so wie Du bist. Und es gibt keinen Grund, der Mobbing rechtfertigt oder entschuldigt.“

Tom Lehel für Wir wollen mobbingfrei!!
Grußbotschaft von Tom Lehel auf Youtube

Dies verdeutlicht, dass eine negative Verantwortung (Schuld) den Täter*innen zugeschrieben wird, deren Verhalten nicht gerechtfertigt und nicht zu entschuldigen ist. Der Ausdruck „no-blaming-Ansatz“ bezieht sich ebenfalls auf das Verhalten der Täter*innen: Das „blaming“ meint an dieser Stelle das Mobbing.

Dabei tritt in den Hintergrund, dass eine positive Verantwortung mit entsprechender Handlungsanweisung ebenso als – gerechtfertigtes – „blaming“ bezeichnet werden kann, denn das Hinsehen und Einschreiten im Sinne der Zivilcourage schließt „blaming“, Beschuldigung oder Tadel, der mobbenden Person ein. Die Aufforderung der Kampagne ist dabei insofern allozentrisch, da nicht das mobbende Kind zur Selbstkritik aufgefordert wird, sondern außenstehende Kinder zur Fremdkritik an diesem mobbenden Kind aufgefordert werden.

Der Fokus der Kampagne liegt entsprechend auch explizit „auf der Gruppe der ‚Zuschauer/Beobachter’. Wenn die Kinder gemeinsam ‚hinschauen‘, haben potenzielle Täter keine Chance und es entsteht eine solide Basis für ein achtsames Miteinander.“

Wenn die Kinder gemeinsam ‚hinschauen‘, haben potenzielle Täter keine Chance

Tom Lehel für Wir wollen mobbingfrei!!

Auch die Publikation Lehels macht die allozentrische Verantwortungszuschreibung explizit: „Wir wollen Mobbingfrei! Schau hin, nicht weg! Das Anti-Mobbing-Buch“ (360 Grad Verlag GmbH 2020). Wir haben insofern eine starke allozentrische Tendenz der Verantwortungszuschreibung, da Fremdkritik als vorbildlich dargestellt wird. In den japanischen Kampagnen verhält es sich genau umgekehrt.