2b. FACES

Kampagnen wie FACES oder die Mobbing=Verbrechen-Plakate (いじめは犯罪 [ijime wa hanzai]) orientieren sich an der egozentrischen Tendenz der Verantwortungszuschreibung, die in Japan verbreitet ist. Kritik an anderen ist dort keine gängige soziale Praxis. In Japan sind es daher zum einen die Täter*innen, die mit den Mobbing=Verbrechen-Plakaten als Aufruf zur Selbstkritik direkt adressiert werden, zum anderen die Betroffenen, die auch in der FACES-Kampagne als Vorbilder agieren und demonstrieren, wie sie ihre Mobbingerfahrungen „überlebt“ haben, um anderen Mobbing-Betroffenen Mut zu machen.

Auffällig ist, dass die kurzen autobiografischen Schilderungen eine explizite Verurteilung der Täter*innen vermissen lassen. Stattdessen schildern die ehemals Betroffenen, wie sie die Schuld oder Ursache (sei [せい]; genin [原因]) bei sich selbst gesucht haben, schließlich aber ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten gefunden und sich so selbst geholfen haben.

Mari

berichtet, dass sie insbesondere ihren verformten Beinen die Schuld dafür gab, dass die anderen Kinder sie quälten.

Sie ließ sich die Beine amputieren, doch das Mobbing hörte nicht auf. Nachdem sie von einem Modedesigner als Model entdeckt wurde, schlug sie eine Laufbahn als Künstlerin ein. Ihre Botschaft lautet:

Ich erkannte, dass ich keinen Grund hatte, [wegen so etwas] traurig zu sein, und dass ich die ganze Welt vor mir hatte. Es muss da draußen jemanden geben, der dich so mag, wie du bist. Bis du diese Person triffst: Gib nicht auf.

Mari

Takahiro

suchte Hilfe bei seinem Lehrer, der jedoch sagte, er müsse selbst damit fertig werden. Mit viel Überwindung suchte er nach einem Schulwechsel erneut Hilfe, die er von seinem neuen Lehrer bekam. Er berichtet:

Da erkannte ich, dass ich selbst meine Situation [aktiv] ändern konnte. [Ich fragte mich, warum ich selbst so viel Zeit mit Nichtstun verbracht hatte.]“

Takahiro

Anders als Mari spricht er explizit davon, wie gut es ist, dass er sich verändert hat. Er verwendet wiederholt das Ich-Pronomen jibun [自分]. Im Japanischen drücken verschiedene Ich-Pronomen unterschiedliche Nuancen aus. Beispielsweise gibt es Pronomen, die – anders als das neutrale watashi [私] – fast ausschließlich von Männern genutzt werden (ore [俺]) oder nur von Frauen (atashi [私]). Das von Takahiro genutzte jibun betont das Selbst wie auch in jibunto [自分と]: mit sich selbst, (von) alleine, eigenständig. Dies verdeutlicht die egozentrische Zuschreibung von Verantwortung. Egozentrik meint an dieser Stelle nicht eine egoistische Selbstbezogenheit, sondern eine verantwortungsvolle, reflektierende Selbstbezogenheit.

Shoichi

Noch deutlicher wird die selbstkritische Einstellung bei Shoichi, der mittlerweile Mangazeichner ist:

Das Schreiben half mir zu verstehen, wie [sensibel ich gewesen bin]. Ich erkannte, wie menschlich alle waren, dass sie nur auf sich selbst [achteten].

Shoichi

Alle Personen, die hier als Vorbilder auftreten, berichten, wie sie selbst ihren Weg gefunden haben. Einige, indem sie die Hemmung überwunden haben, (erneut) mit jemandem über ihr Leid zu sprechen, alle aber, indem sie ihren eigenen Lebensweg aktiv gestaltet haben und nun Erfüllung in ihrer Tätigkeit als Model oder Zeichner, Kellnerin oder Krankenschwester, Violinistin oder Student finden. Die Kampagne verdeutlicht daher die negative egozentrische Verantwortungszuschreibung (selfblame), die überwunden und zu positiver egozentrischer Verantwortungsübernahme wurde (empowerment).