2. Interkulturelle Bildungsphilosophie

Unterschiede in der Verantwortungszuschreibung werde ich in einem zweiten Teilprojekt anhand konkreter Praktiken moralischer Bildung untersuchen. Dafür sind Kooperationen mit japanischen Kolleg*innen geplant, in denen zum einen Unterschiede in den Praktiken am Umgang mit Mobbing in Deutschland und Japan untersucht werden (2022/23), ein anderes Projekt diskutiert die Rolle von Moral- und Bildungsphilosophie (Kant, Piaget, Kohlberg, Vertreter der Kyoto Schule) für die schulische Praxis (2023/24).

Für das Mobbing-Projekt werden in einem interdisziplinären Team Interviews mit Lehrkräften geführt sowie praxisrelevante Handreichungen zu Verantwortung, Mobbing und Zivilcourage für den Schulalltag analysiert. Diese werden mit Medienkampagnen zum Thema Mobbing verglichen, die ich im Folgenden vorstelle. Die unterschiedlichen Medien werden im Anschluss an die interkulturelle vierdimensionale Dialektik Malls mit einander ins Gespräch gebracht.

Mobbing

In Deutschland wird im Sinne der Zivilcourage Kritik an den Täter*innen gutgeheißen. Zivilcourage beschreibt in Deutschland eine Tugend bzw. ein moralisches Ideal: „Hinsehen, nicht wegschauen!“  Entsprechende Kampagnen gegen Mobbing adressieren damit jedoch nicht die Täter*innen selbst, sondern potenzielle Zeug*innen, die Kritik an anderen üben sollen (allozentrisch). Japanische Kampagnen dagegen richten sich vorrangig an die Täter*innen oder auch an die Betroffenen, die im Sinne von hansei (Selbstreflexion) selbst nachdenken und handeln sollen (egozentrisch).

Das heißt: Wenn Kind A Kind B mobbt und Kind C Zeug*in ist, richten sich die japanischen Kampagnen vorrangig an Kind A und B (egozentrisch), die deutschen dagegen im Sinne der Zivilcourage deutlich an Kind C (allozentrisch). Zur Veranschaulichung habe ich die deutsche Kampagne Wir wollen mobbingfrei!! sowie die japanische Kampagne FACES gewählt.

Tendenzen mit Vor- und Nachteilen

Eine Botschaft im Sinne von Empowerment findet sich sowohl in den japanischen Videos als auch in der Grußbotschaft der deutschen Kampagne: „Du bist gut, wie Du bist!“

Jedoch wird durch die Fokussierung auf die Täter*innen, die kritisiert werden sollen, in den Fremdkritik-Kulturen meines Erachtens oft unterschätzt, wie sehr Opfer von Misshandlungen auch in Deutschland sich selbst die Schuld geben. Die allozentrische Verantwortungszuschreibung ist problematisch, sofern sie die Opfer übersieht und Selbstkritik für Täter*innen erschwert. Wir sind es nicht gewohnt, uns ohne vorherige Beschuldigung zu entschuldigen (siehe Zeitungsfallbeispiele).

Die FACES-Videos verdeutlichen hingegen die problematische Seite der egozentrischen Verantwortungszuschreibung, da die Betroffenen den Grund des Mobbings ebenfalls oft bei sich selbst suchen, weil fremdgerichtete Kritik mit ihrem progressiven Potential im Sinne von Zivilcourage erschwert wird.

Die Auswertung der weiteren Materialien (Interviews, Handreichungen) im bilateralen Team soll Vor- und Nachteile beider Formen der Verantwortungszuschreibung für die Mobbingintervention aufzeigen und insbesondere die Vorteile nutzbar machen: eine selbstkritische Haltung von Täter*innen und eine kritische Haltung Außenstehenden im Sinne von Zivilcourage und ein positive Verantwortungsübernahme im Sinne von Empowerment von Betroffenen.