1. Linguistische Phänomenologie

im Anschluss an John L. Austins Plea for Excuses

Austin beschreibt zwei Reaktionen auf eine Kritik durch andere (accuse / Beschuldigung): die Rechtfertigung (justification) und die Entschuldigung (excuse). In beiden Fällen wird die volle Verantwortung für eine falsche Handlung abgelehnt oder relativiert, mit Betonung auf volle Verantwortung oder auf falsche Handlung. Mit der Rechtfertigung drücke ich aus, dass meine Handlung gar nicht falsch war, mit der Entschuldigung drücke ich aus, dass ich nicht voll verantwortlich dafür bin, weil es nur ein Versehen war. Der Kern dieser Praxis ist somit das sich aus der Verantwortung (teilweise) Herausreden.

Bereits sprachlich unterscheidet sich die japanische Praxis davon: Während ich im Englischen und Deutschen mit dem Imperativ „Entschuldige!“ / „Excuse me!“ die Minderung meiner Verantwortung geradezu einfordere, bedeuten japanische Formulierungen wie mōshiwakenai [申し訳ない] wörtlich: es gibt keine (nai) Entschuldigung (mōshiwake). Formal erkennt die Person, die mōshiwakenai sagt, damit ihre eigene Verantwortung vollumfänglich an.

Fragen

Trifft Austins Beschreibung unsere alltägliche Praxis? Gibt es bereits zwischen der englischen und deutschen Sprachpraxis Unterschiede? Kann Austins “excuse” bspw. überhaupt als “Entschuldigung” übersetzt werden? Welche Unterschiede zeigen sich auf sprachlicher und habitueller Ebene im Vergleich mit Kulturen wie der russischen oder der japanischen, deren soziale und politische Geschichte sich ebenso von der englischen oder deutschen unterscheidet wie die Strukturen ihrer Sprachen?

Um im Sinne der mindestens vierdimensionalen hermeneutischen Dialektik Ram A. Malls diese exemplarischen Kulturen ins Gespräch miteinander zu bringen, sammle ich zunächst Beschreibungen in den jeweiligen Kulturen und Sprachen in Form von Zeitungsartikeln und führe damit Austins linguistische Phänomenologie interkulturell weiter.

a) Beschreibungen in Zeitungsartikeln

b) Beschreibungen in der Literatur